Studien-Verwirrung um Reichweiten-Entwicklung von Google+, Facebook & Co.

  • Die Nutzung von Google+ wächst,
  • Facebook wächst,
  • Business Communities gefährdet,
  • Flickr & Photobucket verlieren Nutzer.

Für mich ist es sehr eigenartig zu verfolgen, wie in der Netzgemeinde die Entwicklung der Nutzerzahlen von Facebook und Google+ diskutiert wird. Die „alten Hasen“ sollten sich eigentlich an die Diskussionen um den Host Count vor 15 Jahren erinnert fühlern.

Mit Hilfskonstruktionen wird versucht, die Nutzerzahl zu bestimmen. Mal ist es Comscore oder CircleCount, mit denen ich auch ganz gerne arbeite. Compete.com taucht auch hin und wieder auf oder Hitwise. Kurz vor Neujahr war es der Namensforscher Paul Allen, der für Google+ eine Zahl von 62 Millionen Nutzern im Dezember vergangenen Jahres nannte und 300 Millionen Nutzer bis zum Ende dieses Jahres in Aussicht stellte. Ich bin nicht der Meinung, dass diese Daten für eine valide Regression herangezogen werden können.

Dabei sind die jeweils zitierten Werte kaum miteinander vergleichbar. In einem anderen Beitrag habe ich mir die Mühe gemacht, wenigstens Anhaltspunkte aus den Daten verschiedener Quellen herauszuarbeiten.

Auf ein Thema werde ich dabei nicht näher eingehen: Für Facebook werden über das Werbeplanungs-Werkzeug „aktive Nutzer“ kommuniziert – derzeit etwa 22 Millionen – die freilich keine aktiven Nutzer sind. Es handelt sich dabei um aktive Accounts – ein Nutzer kann mehrere Accounts haben. Im Gegensatz dazu hat Google den AdPlaner für plus.google.com leider noch gesperrt. Bis hier eine Öffnung stattfindet, müssen wir leider wie folgt vorgehen:

Tendenzaussagen möglich

Eines kann man allerdings schon machen. Wenn man die Daten einer Quelle verwendet und wenn diese Daten Entwicklungen dokumentieren, so kann man diese aus meiner Sicht durchaus nutzen, um Tendenzaussagen zu treffen.

So deuten die Daten von compete.com beispielsweise an, das es seit Oktober zu einer rückläufigen Entwicklung der Nutzung von LinkedIn kam. Es kann sich um eine saisonale Schwankung handeln oder um die Umverlagerung von Fachdiskussionen nach Google+. Xing hatte im Laufe dieses Jahres in Deutschland auch einen leichten Rückgang der Nutzung zu verzeichnen. Bei Facebook geht die Nutzung kontinuierlich bergauf, bei Google+ ist die Entwicklung nicht stetig.

Als kleine Ergänzung noch die Daten von MySpace:

Bei den Compete-Daten handelt es sich um Panel-Daten von 2 Millionen Internet-Nutzern aus den USA. Die Projektion hinsichtlich der Nutzerzahlen bezieht sich also alleine auf die USA. Beachten sollte man zusätzlich, dass zur Gewinnung der Panel-Daten eine Software auf den Rechnern der Panel-Teilnehmer installiert werden muss. Das führt zu Verzerrungen hinsichtlich der Nutzung in Unternehmen. Diese sind vorsichtig, wenn eine solche Software installiert werden soll.

Dabei sind die in der Diskussion befindlichen Zahlen von Hitwise in der Tat kaum brauchbar, da der Erhebungszusammenhang unklar bleibt. Christoph Kappes hat sich auf Google+ völlig zu Recht darüber beschwert und auf Visits als Auswertungsgröße hingewiesen.

Nutzerwachstum – Argumente

Durch das Anlegen einer linearen oder multiplen Regression kommt man auch nicht wirklich weiter. Allerdings werden gerade wenn es um die Diskussion hinsichtlich des Nutzerwachstums geht, sehr viele Argumente genannt, die sich mehr oder weniger auf technische Details beziehen oder sich auf dem Niveau “Gefällt mir besser” bewegen. Dabei gibt es eine Reihe von Argumenten, die ganz klar für oder gegen eine mehr oder weniger starke Nutzerentwicklung bei Google sprechen. Der Weg der Analyse muss über die Bewertung qualitativer Argumente führen.

Facebook konnte 2011 einen enorm starken Nutzerzuwachs generieren und beispielsweise in Deutschland vielen Networks Nutzer abjagen. Die Nutzer haben sich große Freundeskreise aufgebaut, die sie nicht so einfach zu Google mitnehmen können. Wenn sie sich zusätzlich Google+ zuwenden, dann wird dies mit einem geringeren Zeitbudget stattfinden.

Man sollte, wenn man argumentiert, die Zeitbudgets der Nutzer berücksichtigen. Diese sind im Durchschnitt träge. Das zeigt sich beispielsweise in der ARD/ZDF-Langzeitstudie „Massenkommunikation“. Aus meiner Sicht heißt dies, dass sich die Zeit für die Nutzung des Internet nicht beliebig ausdehnen lässt. Es konkurriert dabei mit anderen Mediennutzungsformen. An anderer Stelle habe ich gezeigt, dass Online-Nachrichtenportale sich wacker halten. So gesehen müsste also tatsächlich eine Abwanderung von Facebook-Nutzern zu Google+ stattfinden, wenn letzteres stark wachsen will.

Die Frage ist natürlich wodurch diese Abwanderungsbewegung einsetzen könnte. Tendenziell gab es in den vergangenen Jahren bei Social Networks eine Konstante: Wenn diese von einem Investor übernommen wurden oder an die Börse gingen, dann liefen ihnen die Nutzer weg. Durch den gesteigerten Druck zur Einnahmeerzielung wurden die Nutzer offensichtlich gegängelt und wanderten ab. MySpace und die VZ Gruppe sind zwei Beispiele. Hinsichtlich Facebook hört man, dass der Börsengang nun tatsächlich ansteht und dieses Jahr noch Werbung in den Stream der Pinnwand integriert werden soll. Allerdings war Facebook in der Vergangenheit auch immer so schlau völlig unpopuläre “Features” wieder zurückzunehmen (z.B. die Veröffentlichung der Produkte, die online gekauft wurden).

Ein neues Network – wie Google+ – muss einen starken Zusatznutzen im Vergleich zu den derzeit frequentierten Networks bieten. Dieser Nutzen bestand bei Facebook in der ausgedehnteren Funktionalität im Vergleich zu andern Networks und in einem großen, die Diffusion fördernden Nutzerstamm.

Oberflächlich betrachtet hat Google+ hier wenig zu bieten. Allerdings gibt es aus meiner Sicht zwei markante und für den Normalnutzer ersichtliche Unterschiede: Die Kreise und eine einfachere Konfiguration der Einstellungen hinsichtlich der Privatsphäre sowie die Möglichkeit des Folgens. In beiderlei Hinsicht ist Google+ mehr ein aufgeblasenes Twitter als eine Kopie Facebook.

Allerdings führt dieses „Aufblasen“ dazu, dass auf Google+ sauberer diskutiert werden kann als auf Twitter. Mitunter verlagern sich hierdurch Diskussionen, die ehemals auf Blogs stattfanden, auf Google+. Google+ erlaubt in diesem Sinne eine stärker passive Nutzung als Facebook.

Die Kreise und das „Folgen“ führen dazu, dass auf Google+ im Gegensatz zu Facebook „neue Freunde“ gefunden werden können. DeAno Jackson hat das kürzlich eindrucksvoll auf den Punkt gebracht „To sum it up as simply as I can, Facebook is where you connect with old friends. Google+ is where you find new ones.“

Aus meiner Sicht liegen die Potenziale eher unter der Oberfläche. Picasa und die vereinfachte Bildverwaltung inkl. ausführlicherer Informationen zum Foto haben dazu geführt, dass sich Fotografen auf Google+ recht wohl fühlen. Flickr sollte hier also einen Rückgang bemerken. Und siehe da – bei compete.com kann man diesen Rückgang feststellen. Photobucket.com ist davon ebenso betroffen.

Ansonsten verfügt Google über einen erheblich größeren Umfang an möglichen Diensten als Facebook – inkl. Videotelefonie etc. Es ist also anzunehmen, dass hier Zug um Zug neue Nutzergruppen auf Google+ gezogen werden.

Hinzu kommt eine gewaltige Nutzerzahl durch Android Smartphones und demnächst wahrscheinlich durch Fernseher mit Android. Diese sind nur durch ein Google-Konto nutzbar und der Weg zu Google+ ist damit nicht mehr weit.

Aus dieser Gesamtsituation heraus lässt sich abschätzen, dass Google zweifellos sein Network neben Facebook positionieren kann. Inwieweit 2012 eine Zahl von mehr als 200 Millionen Accounts erreicht wird, lässt sich nicht sagen. Sicher erscheint dagegen die Tatsache, dass es Platz zwei der Networks westlichen Ursprungs erreichen wird. Kleinere und spezialisiertere Networks werden Nutzer verlieren.

Visit-Entwicklung deutscher Social Networks 2010/11

Mit den deutschen Social Networks geht es bergab – mit allen? – Nein! –  XING trotzt dem Trend. Die Konzentration auf Business Nutzer hilft offensichtlich, der Abwanderungsbewegung zu widerstehen, der die anderen Networks unterworfen sind. LinkedIn hat noch nicht sehr an der Reichweite genagt – nur 20 Prozent weniger Visits als im März 2010.

Die Frage, ob durch Social Media-Nutzung die Reichweiten redaktioneller Angebote zurückgehen, kann man anscheinend verneinen. Die Visit-Zahlen von SPIEGEL Online stiegen in den vergangenen beiden Jahren. Diese wurden zum Vergleich in die folgende Abbildung aufgenommen.

Visits deutscher Social Networks 2010/11
(Quelle der Daten: IVW)


VZ Netzwerke am stärksten betroffen

Die Zielgruppe Schüler und Studierende unterliegt offensichtlich der schnellsten Abwanderungsbewegung nach Facebook. Die VZ-Gruppe hat seit dem Höchststand der Visits im Mai 2010 über 80 Prozent der Besuche verloren.

Bei WKW verlief der Rückgang der Besuche im etwa gleichen Zeitrahmen weniger stark – auch wenn ein Verlust von 60 Prozent des Traffic sicher kein Pappenstiel ist. Es ist anzunehmen, dass die VZ Gruppe im Dezember weniger Visits haben wird als WKW.

Bei den Lokalisten setzte der Rückgang noch früher ein als bei der VZ Gruppe und WKW und war noch dramatischer. Von dem ohnehin nicht gewaltigen Traffic ist gerade ein Siebtel verblieben.

StayFriends habe ich aus der Abbildung herausgenommen. Ansonsten wäre diese im unteren Bereich etwas unübersichtlich geworden. In den vergangenen beiden Jahren gingen die Visits von 37,5 Mio. auf 16,2 Mio. zurück.

Kaum Auswirkungen auf SPIEGEL Online

Deutlich wir aber auch, dass SPIEGEL Online einem konstanten leichten Wachstum unterliegt. Mit einem Zuwachs der Visits von 17 Prozent im Verlauf der vergangenen beiden Jahre liegt das Wachstum stark über der Zunahme der Internet-Nutzerschaft in Deutschland.